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Die Kurzgeschichte "Kopflos"

Wenn ich jemals behauptet haben sollte, ich hätte nur etwas Angst gehabt, so ist das gewiss untertrieben. Ich war damals vierzehn Jahre alt und zitterte an jenem Märztag im Jahre des Herrn 988 am ganzen Leib. Bis in die äußerste Ecke der aus groben Brettern gezimmerten Kiste zwängte ich mich, um möglichst weit entfernt von dem Totenschädel  zu sein. Dennoch konnte ich nicht widerstehen, zu ihm hinüberzuschauen. Er starrte mich aus dunklen Augenhöhlen an und grinste mit verfaulten, gelben Zähnen. Ich war überzeugt, dass er sich lustig machte über meine Dummheit, die mich in eine Situation gebracht hatte, aus der es kein Entkommen zu geben schien. Ich Narr!

Durch das geöffnete Portal fiel Licht in den Dom – ein gewaltiges Gebäude, damals zwar noch im Bau befindlich, aber bereits mit Chören und Querschiffen ausgestattet. Das Licht fiel auch auf die Kiste, mein Gefängnis, und sickerte durch Ritzen zwischen den Brettern hin ein. Der Schädel hatte vorhin gut versteckt in einer Schatulle gelegen. Doch ich musste sie ja unbedingt öffnen! Im Halbdunkel hatte ich zunächst gar nicht erkennen können, dass es Knochen waren, die man auf den weichen, roten Stoff gebettet hatte. Vor Schreck hatte ich das Kästchen fallen lassen, und der Schädel war zwischen das Gerümpel gerollt, alte Sachen, die niemand mehr brauchte und zwischen denen Spinnen herumkrabbelten. Aber fliehen konnte ich nicht mehr. Es waren bereits Soldaten im Dom und ich saß fest in dem Versteck, stand Todesängste aus – und ich musste pinkeln! Daran hatte ich vorher in der ganzen Aufregung nicht gedacht. So schnell ich konnte, war ich vom Hügel gerannt, von dem aus ich mit den anderen Novizen den gewaltigen Tross beobachtet hatte. War das ein Anblick gewesen! All die Soldaten in ihren Kettenhemden. Ihre Helme und Lanzenspitzen glänzten im Sonnenschein. Panzerreiter gab es, buntbemalte Schilde, Pferde, Ochsenkarren, Wagen, und über allem flatterten Banner farbenfroh im Wind. Aber weder den König noch seine Mutter, die Kaiserin, hatten wir gesehen, und deshalb konnte ich meinen Mund mal wieder nicht halten. Ich warf mich in die Brust und prahlte, dass mich nichts und niemand davon abhalten werde, die Herrschaften von Nahem zu sehen, den König Otto und die Kaiserin Theophanu, von der man sagte, sie sei die schönste Frau auf der ganzen Welt. Aber man redet ja viel – so wie ich, ich Dummkopf !

Ich rannte also an den Schaulustigen vorbei, die zu Hunderten aus der Siedlung Mimigernaford und den umliegenden Dörfern zusammenströmten, um die Herrscher zu sehen. Obwohl Mimigernaford nicht gerade klein ist und zudem eine Domburg und ein Kloster, das Monasterium, dazugehören, war es das erste Mal überhaupt, dass ein Sachsenherrscher sich in unsere Gegend begab, und es hatten schon einige Sachsen auf dem Thron gesessen. Der alte Heinrich etwa, und dann dessen Sohn Otto, der sogar zum Kaiser gekrönt worden war, so wie dessen eigener Sohn, ebenfalls ein Otto. Auch sein Enkel hieß so, aber noch war er nur König, vielleicht, weil er damals erst acht Jahre alt war. Dafür war seine Mutter Kaiserin.

Weil ich gehört hatte, dass die Herrschaften den Dom besuchen wollten, schlich ich auf die Domburg und dann in das Gotteshaus, was ganz einfach war, da alle Soldaten zu den Schaulustigen gelaufen waren. An der Wand entdeckte ich die Kiste und versteckte mich darin. Bis dahin hatte ich wirklich noch geglaubt, das sei eine gute Idee ... In dem Moment sah ich den Bischof den Dom betreten. Mir stockte der Atem. Ich war zwar noch nicht lange im Kloster, hatte Bischof Dodo aber schon einige Male gesehen. Heute sah er anders aus, geradezu feierlich mit seinem langen Gewand und der weißen Spitzhaube, die Mitra genannt wird. In der rechten Hand hielt er den Bischofsstab. Sein Gesicht wirkte angespannt, als ob er ebenfalls dringend pinkeln musste, und ich erstarrte, als er einen Blick zu der Kiste warf, in der ich hockte. Er wechselte einige Worte mit einem anderen Geistlichen, schaute sich dabei sichtlich nervös immer wieder um und kam dann in meine Richtung. Mein Herz trommelte so laut, dass ich befürchtete, man könnte es im ganzen Dom hören.

Hängen würden sie mich! Oder auspeitschen! Oder beides! Wenige Schritte vor meinem Versteck blieb der Bischof jedoch abrupt stehen und drehte sich zum Portal um. Dort waren andere Leute aufgetaucht. Eine Frau und ein Junge, beide ebenfalls prächtig zurechtgemacht, kamen Bischof Dodo hinterher. Ich wusste es sofort: Das waren der König und die Kaiserin! Theophanu hatte ein fein gezeichnetes Gesicht, rote Lippen, dunkle Augen und pechschwarzes Haar, das kunstvoll zusammengesteckt war. Die Gerüchte stimmten – die Frau, die aus Konstantinopel stammte, war atemberaubend schön! Wie man uns beigebracht hatte, bedeutete ihr Name „Gotteserscheinung“, und dem konnte ich voll und ganz zustimmen. Bei ihrem Anblick vergaß 80 ich für einen Moment sogar, dass ich mich ganz dringend erleichtern musste.

Die drei waren nur wenige Schritte von meinem Versteck entfernt. Sie unterhielten sich auf Latein, die alte Sprache, die wir im Kloster lernten. Allerdings redeten sie so leise, dass ich kaum etwas mitbekam. Aber einige Wörter verstand ich doch, auch weil die Kaiserin sie mehrmals wiederholte: Kopf, caput, sagte sie. Ich wechselte einen Blick mit dem grinsenden Schädel an meiner Seite, und mir war, als habe man mir Eiswasser in den Nacken geschüttet. Ich hauchte ein Stoßgebet gegen den Kistendeckel, und der Allmächtige schien seinen sündigen Diener tatsächlich zu erhören. Der Bischof breitete die Arme aus, als wolle er die Kiste verdecken, und seine Hände flatterten dabei wie Hühnerflügel, während er etwas zu laut behauptete, er wisse nichts von dem caput, der Reliquie. Nein, ganz gewiss nicht! Die Kaiserin schaute ihn mit einem Blick an, der Eisen zum Schmelzen hätte bringen können, während Dodo rief, welche Ehre und Freude es für ihn und das ganze Bistum sei, zur Fastensynode vor Kapitel und Klerus den gesalbten und gekrönten Otto zu Gast zu haben. Und die ehrwürdige Kaiserin natürlich!

Den jungen König schien das alles weniger zu interessieren, er gähnte und bohrte in der Nase und wirkte erleichtert, als seine Mutter dem Bischof zu verstehen gab, man wolle im Dom übernachten. Dodo riss die Augen auf. Er schien über diese Ankündigung ebenso entsetzt zu sein wie ich. Aber er konnte der Kaiserin den Wunsch nicht abschlagen. Daher grinste er ziemlich geistlos und geleitete die Herrschaften in den Innenraum, während ich meine Beine fest zusammenpresste. Wenn man mich schon entdecken musste, dann bitte nicht mit einem feuchten Fleck auf der Kutte!

Durch die Ritze sah ich Dienerinnen bündelweise Stroh hereinschleppen, es vor den Altar legen und Decken und Felle darüber aus81 breiten. Nach einer Weile wurde die Tür geschlossen. Kerzen und Tranlampen wurden entzündet. Ein Priester sprach das Nachtgebet, und nachdem auch er verschwunden war, betteten sich die Kaiserin und der König aufs Lager. Die Dienerinnen legten sich ebenfalls zur Ruhe, und es wurde still. Als ich glaubte, dass alle schliefen, drückte ich vorsichtig die Klappe auf. Mit wackligen Beine stieg ich über den Rand der Kiste. Ich wartete kurz und schlich dann durch den mit mattem Licht erfüllten Dom zu der kleineren Pforte im hinteren Bereich.

Kurz bevor ich sie erreichte, hielt ich es nicht mehr aus. Das ist nämlich so eine Sache: Je mehr man daran denkt und je näher die Gelegenheit zur Erleichterung kommt, desto stärker wird der Drang. Ich huschte in eine Nische unweit der Pforte, zog meine Kutte hoch und die kurze Leinenhose, die Bruche, herunter und ließ es gegen die Wand laufen. Was für eine Erlösung! Es plätscherte und plätscherte ... Und dann tauchte plötzlich eine der Dienerinnen hinter mir auf, offenbar vom Geräusch geweckt, und begann zu schreien. Als ich mich ihr zuwendete, fiel ihr Blick auf das, was ich in den Händen hielt, und das Schreien schwoll an zu einem ohrenzerreißenden Kreischen. Ich zerrte meine Bruche hoch und stolperte zur Tür. Inzwischen gab es vor dem Altar ein großes Durcheinander, und das Gezeter musste auch die Soldaten auf der Rückseite des Doms alarmiert haben. Ich entriegelte die Tür und wollte hinausstürmen, als ich geradewegs in einen Mann rannte. Aus der Dunkelheit griffen Hände nach mir. Ich wand mich wie ein Aal, bekam einen Schlag ins Gesicht und wurde überwältigt.

Man schleifte mich ins Haus des Bischofs auf der Domburg und weckte ihn. Dodo schlurfte heran. Er wirkte sehr verschlafen und sehr verärgert. Als man ihm berichtete, dass ich mich im Dom versteckt haben musste, wirkte er zwar noch immer sehr verärgert, aber mit einem Mal hellwach. Er packte mich an der Kutte, schüttelte mich und wollte 82 wissen, was ich dort zu suchen hatte. Mein Kopf war von dem Schlag so benommen, dass mir nichts Besseres einfiel, als die Wahrheit zu erzählen. Das war ziemlich töricht. Dodos Gesicht lief rot an, als er erfuhr, dass ich mich die ganze Zeit in der Kiste versteckt hatte, und es wurde dunkelrot, als ich den Totenschädel erwähnte. Ich bettelte, er möge mir verzeihen, ich würde auch zwei oder drei Dutzend Vaterunser beten oder auf unbestimmte Zeit den Latrinendienst im Kloster übernehmen. Aber der Bischof flüsterte nur den Soldaten etwas zu, schlüpfte in sein Gewand und verließ das Haus. Zwei Männer schleppten mich durch eine Hintertür nach draußen auf einen Hof, auf dem ich im Mondlicht mehrere noch kahle Obstbäume stehen sah. Mein erster Gedanke war, dass sie mich an einem Apfelbaum aufhängen würden. Aber einer der Soldaten zog einen Dolch, packte mein linkes Ohr und drückte die Klinge dagegen. Er drohte, mir das Ohr abzuschneiden, wenn ich irgendjemandem erzählen würde, was ich in der Kiste gesehen hatte. Ich zweifelte nicht an seinen Worten und wollte gerade alles Mögliche vor Gott schwören, als Stimmen zu hören waren.

Ich sah den Bischof aus dem Haus treten und hinter ihm die Kaiserin. Dann kamen der König, Soldaten, Dienerinnen und andere Geistliche. Der Hof füllte sich zusehends, Menschen drängten näher, umringten mich. Lachende, freundliche Gesichter. Mein Herz pochte laut, als die Kaiserin vor mich trat. Ihre dunklen Augen glänzten im Mondschein, und auf ihren Lippen lag ein Lächeln. „Wie ist dein Name?“, fragte sie. „Thiedrich“, sagte ich, vollkommen überrascht und überwältigt von der mir noch unerklärlichen Wendung, die mein Schicksal zu nehmen schien. „Du hast der Kirche einen großen Dienst erwiesen, Thiedrich“, sagte die Kaiserin und zeigte mir das Kästchen, in dem der Totenschä del lag. „Das ist ohne Zweifel der Kopf der heiligen Ida“, erklärte sie. „Hättest du die Kiste nicht geöffnet, hätten wir ihn nicht gefunden. Er ist vor einigen Jahren aus der Grabstätte in Hirutfeld verschwunden.“ Woher die Kaiserin wusste, zu wem der Kopf gehörte, war mir schleierhaft. Für mich sah er aus wie ein ganz gewöhnlicher Totenschädel. Aber sie war ja auch die Kaiserin und ich damals nur ein bescheidener Novize.

Mein Blick fiel auf Dodo, der mit hängenden Schultern wie ein geknickter Ast hinter der Kaiserin stand. Sein verkniffenes Gesicht war nicht mehr rot wie vorhin noch, es war nun bleich wie das Nachtgewand der Kaiserin. „Ich ... kann mir nicht erklären, wie die Reliquie in die schäbige Kiste gekommen ist“, stammelte er. „Ich selbst habe doch vor acht Jahren die heilige Ida zur Ehre der Altäre erhoben, und in der Kiste hätte bestimmt niemand nach ihrem Kopf gesucht.“ „Genauso ist es, Bischof Dodo“, sagte die Kaiserin streng. Wenige Tage später ließ Bischof Dodo den Schädel der heiligen Ida zurück nach Hirutfeld bringen. Seither liegt der Kopf der Schutzpatronin der Schwangeren, Armen und Schwachen im Portikus, der Säulenhalle, die man einst über ihrem Grab erbaut hatte. Zumindest lag er dort, als ich, Thiedrich, der zwölfte Bischof von Monasterium, das letzte Mal dort gewesen bin, und zu dem Zeitpunkt hatte Bischof Dodo längst das Zeitliche gesegnet.

Anmerkung: Auch wenn es keine entsprechende Urkunde gibt, sind Historiker der Ansicht, dass Otto III. mit seiner kaiserlichen Mutter auf dem Weg von Wildeshausen nach Ingelheim im März 988 auch in Münster (Monasterium, bzw. Mimigernaford) Station machte. Dodo, gestorben im Jahr 993, war der zehnte Bischof von Münster und ein eifriger Reliquiensammler. Nachdem er die Gebeine der im Jahr 825 verstorbenen Ida zur Ehre der Altäre erhoben hatte, soll er Teile davon aus 84 Herzfeld (Hirutfeld) nach Münster überführt haben – ob gestohlen oder nicht, ist nicht überliefert, ebenso wenig, ob es sich dabei vielleicht sogar um Idas Kopf gehandelt haben könnte ...