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Die Saga von Skjaldar Arwedson

1.
Seh ich Skjaldar Arwedson steh´n
Schafhirten und Fischers dritter Sohn
Schwurmann des Hakon Sigurdsson
Hauptmann am Nordweg in Hladir.
Arwed mit Helga voll Glück
im Naumudal in Thrandheim lebt
mit ihrer Kinder vieren
ohne Not in Frieden.

Ein Mann hieß Arwed, und er wohnte auf einer Insel in einem Fjord im Lande Naumudal am Nordweg. Einmal hatte Arwed mit bloßen Händen einem ausgewachsenen Ochsen das Genick gebrochen. Damals hieß es, die Hörner des Ochsen seien lang gewesen wie Speere und scharf wie Schwertklingen. Denn der Ochse war ein Mann aus Fleisch und Blut; er war ein Krieger, der von der mächtigen Königin und Zauberin Gunnhild verzaubert worden war. Sie hatte den Ochsen ausgeschickt, damit er Arwed tötete – und Gunnhild, das sollte bekannt sein, ist niemand anderes, als das Eheweib des Königs Eirik Haraldsson, den man später Blutaxt nannte.

Mit seiner Frau Helga hatte Arwed drei Söhne und eine Tochter. Die Söhne waren Önund und Helgi, und Skjaldar, von dem hier zu reden sein wird, war der mittelste der drei. Die Tochter war Gudrun, und man sagte, sie war die schönste Frau im Naumudal. Ihr Haar war hell und ihre Haut schneeweiß und zart wie Morgentau.
Arwed war Schafhirte und Fischer. Er hatte eine große Herde, und im Frühjahr, wenn der Sild in den Fjord zog, waren seine Netze oft zum Bersten voll. In jenen Jahren musste niemand Hunger leiden, denn die Vorratskammern der Sippe waren immer gut gefüllt.

Doch König Eirik Haraldsson
als Blutaxt bald bekannt
im Streit mit Jarl Sigurd
um die Länder vom Nordweg entbrannt.
Gunnhild seine garstige Gattin
gierig auf die großen Güter
schickt den verhexten Streiter
als Ochs getarnt zu Arwed.
Bezwingt er diesen mit bloßer Hand
verwirkt sein Leben und das Land.
Rauschender Wut sinnt sie auf Rache.

Der Reichtum weckte Begehrlichkeiten, und König Eirik wollte sich Arweds Fisch- und Weidegründe aneignen, wozu er – wie er behauptete – wegen seiner königlichen Abstammung berechtigt war. Mit Arwed lebte Eirik schon lange in Feindschaft, denn Arwed war ein Freund des Jarls Sigurd, der damals über die Siedlung Hladir und das Land Thrandheim herrschte.
Eirik riss in jenen Jahren die Macht über viele Länder am Nordweg an sich. Er war der Sohn des Königs Harald Schönhaar, und man verlieh Eirik bald den Beinamen Blutaxt, weil er seine Axt mit dem Blut seiner Brüder rötete, die er aus dem Weg schaffte, um allein über die Länder am Nordweg zu herrschen.
Als Gunnhild, die damals sechzehn Winter zählte und später eine sehr mächtige Frau werden sollte, jedoch vom Tod ihres verzauberten Ochsen hörte, entbrannte sie in großer Wut und beschwor ihren Mann Eirik, das zu vollenden, woran der Ochse gescheitert war. Der König musste Arwed töten.

Nach vierzehn Wintern Skjaldars Geburt
rudert der Junge morgens zu den Reusen.
Des Vaters Hof noch friedlich schläft,
zu machen einen guten Fang.

2.
An einem Tag im Frühjahr ruderte Skjaldar in aller Frühe allein auf den Fjord hinaus, um die Reusen zu kontrollieren, die er am Abend zuvor aufgestellt hatte.
Alle anderen Bewohner des Arwedhofs schliefen noch. Später würden sie sich für die Ausfahrt auf den Fjord bereitmachen, um Heringe zu fangen. Daher bemerkte niemand etwas von Skjaldars heimlicher Ausfahrt.
Der Junge zählte damals vierzehn Winter. Er war ein schmächtiger und kleiner junger Mann, aber dennoch vielversprechend. Er war gewitzt und ein guter Fischer. Oft lag er mit seiner Entscheidung richtig, wenn es um die Frage ging, von welcher Seite des Bootes man die Langleine ins Wasser hinunterlassen musste, um den dicksten Kabeljau zu fangen. Und wenn sie eine ertragreiche Fangstelle auf dem Fjord ausgemacht hatten, schnitzte Skjaldar eine Kerbe ins Ruder, damit sie diese Stelle beim nächsten Mal leicht wiederfinden würden. Was ihm auch immer gut gelang.
An diesem Morgen zog Skjaldar zwei armdicke Aale, die kräftig und schön schleimig waren, aus den Reusen, und er tötete und schlachtete sie mit seinem Fischmesser. Gut gelaunt und stolz auf den frühen Fangerfolg ruderte er heim.

Das Heim in schwarzen Rauch gehüllt
der Morgenfischer Schlimmes ahnt.
Häuser brennen, Krieger lungern
berauscht des Blutes triefender Boden
feiern sie den feigen Sieg.

Er legt am Ufer an und nähert sich dem Hof seines Vaters von der Rückseite, als er über dem Hügel schwarzen Rauch aufsteigen sieht. Sogleich ahnt er nichts Gutes und schleicht zur Feldsteinmauer, die das Gehöft umgibt. Seine schlimmen Befürchtungen werden wahr, als er die bewaffneten Männer sieht, die auf dem Hof herumlungern.
Denn die Männer waren nicht irgendwelche Besucher, sondern es waren Eirik Blutaxt und seine Krieger, die mit Speeren, Beilen und Schwerter bewaffnet waren. Unter ihnen war auch der Königssohn Harald, dem man später den Beinamen Graufell geben wird. Die Krieger hatten alle Bewohner des Arwedhofs zusammengetrieben.
Skjaldar packte Wut und Trauer, und er kauerte, die geschlachteten Aale noch in den Händen, hinter der Mauer, von wo aus er mit anhörte, wie Eirik ein Angebot machte.
„Du bist ein reicher Mann, Arwed, aber du bist ein Dieb. Du vergehst dich an meinem Eigentum. Alle Fische, alles Vieh und alle Weiden in diesem Land gehören dem Erbrecht nach mir. Habe ich dir etwa die Erlaubnis erteilt, es zu nehmen, ohne mir Abgaben dafür zu zahlen?
Nein, das habe ich nicht getan! Aber ich will Nachsicht mit dir üben, wenn du mir Treue schwörst und dich gegen Sigurd wendest.“
Arwed entgegnet: „Sigurd ist mein Freund und Blutsbruder. Lieber will ich an einer Gräte ersticken, als dir Treue zu schwören, du Krötenschiss.“
Skjaldar liebt seinen Vater für dessen Aufrichtigkeit, aber größer noch ist seine Angst, und seine Vorahnung soll sich sogleich bestätigen, denn Eirik hat beschlossen, niemandem mit dem Leben davonkommen zu
lassen, der sich seinem Willen widersetzt.

Der Schwester Schändung
die Brüder geköpft
Arwed verhöhnt und verspottet
bleibt dieser standhaft zu seinem Wort
seinem Schwur Jarl Sigurds treu
verliert auch er sein Leben an diesem Ort.
Dem Blutaxt seine Schergen lachen.
Schon in den Dreck rollt Arweds Kopf
das Blut von Graufells Axt noch tropft.

Alsdann gibt Eirik seinen Männern ein Zeichen, woraufhin sie sich an Gudrun vergehen. Önund und Helgi schlagen sie die Köpfe ab, und ihr Blut versickert im niedergetrampelten Gras zwischen Schafkötteln und Gänseblümchen.
Ein Mann, der sich bei Mord und Schändung mit großer Tatkraft hervortut, ist Eiriks Sohn Harald. Eifrig springt er herbei und erschlägt Helga, die ihrer Tochter zu Hilfe eilt. Eine solche Tat ist ganz nach dem Geschmack des Königs, und so preist er seinen Sohn als ruhmreichen Krieger und heldenhaften Mörder.
Drei Männer reichen nicht aus, um Arwed zu halten, der sich auf die Schlächter stürzen will. Doch es sind zu viele Wikinger, und sie ringen Arwed nieder und treten ihn in Dreck und Schafscheiße.
Ein letztes Mal noch stellt Eirik die Frage, ob Arwed sich ihm anschließen und Sigurd entsagen werde. Doch Arwed spuckt Blut und Zähne und verflucht Eirik als feigen Mörder, woraufhin Eirik seine Axt nimmt und Arwed den Kopf vom Hals schlägt.

Aus Angst wird blinde Wut.
Skjaldar stürzt aus dem Versteck
stürmt auf den Mörder trennt dem Feigling
Gold- und seinen Fingerring
mit dem Messer von der Hand.
Im Gedränge er den Goldring findet
sich aus der fremden Fänge windet.
Flieht in die Wälder versteckt sich schlau
entkommt Skjaldar seinen Häschern.

Als diese Mordtaten sich ereignen, hält es Skjaldar nicht mehr in seinem Versteck. Er springt, die Aale noch in den Händen, über die Mauer und stürmt auf den Hof. Man hält ihn fest und lacht ihn aus. „Ein halbgarer, verlauster Bursche, der mit Aalen in der Hand kämpft – oh, der Bursche erhellt meine trübe Laune an diesem grauen Tag“, ruft Eirik. „Wir sollten ihn erschlagen, so wie wir es mit seiner Sippe getan haben, und wir sollten eine Lanze mit seinem Kopf schmücken. Lasst ihn uns aufspießen wie ein Ferkel!“ Die Wikinger klopfen sich grölend auf die Schenkel.
Doch Eirik ruft: „Nein! Nein, ich will Nachsicht üben. Es ist viel Blut vergossen worden an diesem Morgen, und ich habe heute noch nicht einmal geschissen oder etwas gegessen. Wahrscheinlich wäre es ratsamer, ich erschlage auch den heißblütigen Burschen, sonst klebt er mir unter dem Stiefel wie Schafdreck. Aber ich gewähre ihm Gelegenheit zu wählen, denn er scheint tapfer zu sein, und vielleicht ist er schlauer als seine Brüder und sein Vater. Also: Entweder du erkennst mich als deinen König an und leistet mir den Treueschwur, Bursche, die dessen Name ich nicht kenne, oder du erleidest das Schicksal deiner Sippe.“
Die Männer lachen Skjaldar aus, und lockern die Griffe, weil niemand glaubt, von einem so dürren, sehnigen Burschen könne eine Gefahr für den König ausgehen.
Doch man unterschätzt Skjaldar. Er zieht sein Fischmesser und sticht damit nach dem König. Dabei trennt er ihm den Finger mit dem dicken Goldring ab. Eirik Blutaxt flucht und tobt über den Verlust des Fingers und schlimmer noch über den Goldring, der mehr wert ist als zwei Schwerter und zwei Kettenhemden.

Auf dem Hof entsteht ein Durcheinander, als man sich um den König sorgt, denn ihm schießt das Blut aus dem Fingerstumpf wie ein Geysier, und in dem Gewühl gelingt es Skjaldar, dessen Kleider vom Aalschleim noch glitschig sind, sich zu freizuwinden und die Flucht zu ergreifen.

3.

Auch Skjaldar auf seine Rache sinnt
zum Jarlshof geht, doch nicht gebraucht
macht er sich in das Unbekannte auf.

Tagelang versteckt Skjaldar sich in Grotten an der unwegsamen Steilküste, und nachdem die Häscher alle Vorräte geplündert und die Gebäude niedergebrannt haben, geben sie die Suche nach ihm auf.
Skjaldar ernährt sich von rohen Vogeleiern und Eidechsen, bis er eines Tages die Schiffe davonfahren sieht. Dann erst verlässt er sein Versteck, geht zu den Ruinen seines Hofes und verbrennt die Körper seiner Angehörigen. Die Asche verstreut er über der Steilküste und lässt sie vom Wind übers Meer davontragen.
Ein paar Tage später setzt Skjaldar mit einem Ruderboot aufs Festland über. Er geht nach Hladir, wo er sich dem Jarl Sigurd andienen will, um gegen Eirik zu kämpfen und Rache zu nehmen. Doch der Jarl ist in jenen Tagen mit seinen Schiffen auf Fahrt gegangen, und am Jarlshof macht man dem jungen Skjaldar wenig Hoffnung, als unerfahrener Krieger in die Haustruppe aufgenommen zu werden.

Außerdem herrschte in jenen Tagen gerade ein seltener Frieden zwischen Eirik Blutaxt und dessen Bruder Harald dem Guten, mit dem Jarl Sigurd verbündet war.
Bergljot, die Frau des Jarls, ist daher der Meinung, es sei nicht klug, einen Jungen, der Eiriks Finger mitsamt dem Goldring abgeschnitten hat, zu beherbergen. Wenn der König davon erfahre, werde das nur zu weiterer Zwietracht führen.
Aber Bergljot ist auch erschüttert über die Gewalttat, der Skjaldars Sippe zum Opfer gefallen ist, und sie gibt dem Jungen Geld. Damit bezahlt er einen Schiffsführer. Skjaldar ist es egal, wohin das Schiff ihn bringen wird. Er hat alles verloren, was ihm etwas bedeutete, und er hat kein Ziel vor Augen, und so gelangt er an Bord des Handelsschiffs ins Ostmeer an die Küste der Länder, in denen die Stämme der Svea leben.
Er kommt in die Handelsstadt Birka.

Ziellos von einem fremden Schiff
getragen landet er in Birka an,
wird dort als Lehrjunge aufgenommen
zum Händler ausgebildet.
Reich an Wissen und Erfahrung
treibt er Handel mit Rus und Friesen
bringt den Svea Waren für gutes Leben.

Den kostbaren Ring hütet er wie einen Schatz, und er erzählt niemandem von seiner Geschichte, die man sich zwar an den Lagerfeuern am Nordweg erzählt, die aber nicht bis ins ferne Ostmeer dringt.
Für Skjaldar, der schreckliches Leid und Unglück erfahren hat, wendet sich das Blatt. Die wechsellaunigen Götter scheinen sich seiner anzunehmen.
In Birka gewinnt der Junge das Vertrauen eines einflussreichen Händlers, bei dem er in die Lehre geht. Skjaldar lernt das Handwerk, wie man Waren günstig einkauft und mit großer Gewinnspanne weiterverkauft.
Der Händler hat auch eine Tochter, Thurid, um deren Hand Skjaldar anhält, und der Händler gibt sie ihm zu Frau. In dem Frühjahr, in dem die beiden heiraten, liegt der Überfall von Eirik Blutaxt und seinen Mordbrennern schon einige Jahre zurück, und am Nordweg ist Gras über die Ruinen des Anwesens und die Gräber der Gemeuchelten gewachsen.
Ja, die Tat scheint in Vergessenheit zu geraten. Zu viele schreckliche Dinge ereignen sich in jenen Jahren, in denen die Bruderkriege am Nordweg toben, als dass jeder Totschlag, jeder Raub und jede Vergewaltigung im Gedächtnis geblieben wären. Skjaldar wird noch viele Jahre in Birka bleiben. Er wird Handelsfahrten zu den Rus, zu den Friesen und bis nach Lundene unternehmen. Er wird mit Getreide handeln, mit Holz, Eisen und Keramik.
Bei seinen ausgedehnten Handelsreisen macht er immer einen Bogen um den Nordweg, obwohl die vergangenen Taten an den Lagerfeuern längst anderen Geschichten Platz gemacht haben. Auch hat Skjaldar die schrecklichen Bilder jenes Frühlingsmorgens vielleicht nicht vergessen, so aber doch verdrängt.
Skjaldar wird reich werden und Thurid ihm Kinder schenken, und wahrscheinlich wären sie bis an ihr Lebensende in Birka geblieben, mit allem ausgestattet, das ein Leben für einen Mann angenehm macht: Er
lebt mit seiner Sippe in Wohlstand; er ist einflussreich und wird geachtet.

Verheiratet mit seines Meisters Tochter
reich an Kindern, Glück und Gütern
lebt er lange Zeit im Sveareich
bis eines Nachts der Ring ihn
seines Schicksals wieder erinnert.
Packt Kind und Kegel alles ein
fährt er in die Ungewissheit heim.
Kommt zurück an Nordwegs Stranden
erkennt sofort was hier geschehen
doch kann er unerkannt passieren
und guten Mutes seiner Wege ziehn.

Doch eines Abends, Thurid, die Kinder und Enkelkinder sind bereits zu Bett gegangen, als Skjaldar ganz unten in seiner Truhe die kleine Holzschachtel findet, in der er einst den Ring des Mörders Eirik Blutaxt gelegt hatte. Sofort stehen ihm die Bilder, als König Eirik und dessen Mordbrenner Skjaldars Sippe niedermetzelten, wieder vor Augen, und er erkennt, dass er seine Vergangenheit verleugnet hat. Dass er sich verleugnet hat. Dass er aber niemals vergessen und vor den Schrecken der Vergangenheit davonlaufen kann.
Noch in derselben Nacht beschließt Skjaldar an den Ort zurückzukehren, wo alles seinen Anfang nahm. Er verkauft sein Haus, die Handelsgüter und zwei seiner drei Schiffe, und lädt allen Hausstand auf sein liebstes Schiff, den Odinsapfel. Thurid, zwei seiner Söhne und eine Tochter begleiten Skjaldar auf das Land seiner Ahnen.
4.
In jenen Jahren lebte der unersättliche Eirik Blutaxt schon lange nicht mehr. Seine zänkische und zauberkundige Frau Gunnhild erfreute sich aber bester Gesundheit. Sie war mit den noch lebenden Söhnen, die ihrem zänkischen und gewitzten Wesen in nichts nachstanden, an den Nordweg zurückgekehrt, wo sie sich auf ihrem Erbgut auf der Insel Avaldsnes niederließen.
Als Skjaldar mit seiner Sippe und seinem Hausstand die Insel, die nur durch einen schmalen Fahrtweg vom Festland getrennt ist, erreichte, begegnete er Eiriks Sohn Harald, den man inzwischen Graufell nannte,
zum ersten Mal wieder.
Viele Jahre waren inzwischen ins Land gezogen, und die Zeit hatte beiden Männer Narben und Falten in die Gesichter gezeichnet. Graufell erkannte Skjaldar nicht. Umgekehrt war dies aber der Fall. Die Sache auf
dem Arwedhofs mochte für Graufell damals ein Torschlag wie jeder andere gewesen sein. Aber Skjaldar würde das Gesicht niemals vergessen.
Was Skjaldar nicht wusste, war, dass auch Gunnhild ihn niemals vergessen hatte. Sie hatte ihrem Mann Eirik Blutaxt an dessen Sterbebett schwören müssen, die Schmach über den Verlust des Fingers und des Goldrings zu rächen.

Von Hakon Sigurdsson erhält sein Erbe er zurück
Mit den neuen Bewohnen teilt er sein Land
das Leben geht so Hand in Hand.
Nach einigen Jahren die See ihn ruft
zur letzten Fahrt auf ihren Meeren.
Er nimmt sein Schiff macht sich Auf
kommt er mit reichen Waren nach Haus.

Skjaldar erzählte seiner Frau und den Kindern nichts von seiner Sorge, von Graufell könne dieselbe Gefahr ausgehen wie damals von seinem Vater, und so passierten sie nach Zahlung der Gebühren unbehelligt Avaldsnes und landeten bald darauf auf der Insel an. Dort hatte sich längst eine andere Sippe niedergelassen, aber Skjaldar berief sich auf sein Erbe.

In Hladir herrschte noch immer der inzwischen betagte Jarl Sigurd, und er sprach Skjaldar die Insel zu, denn der konnte mit dem Goldring nachweisen, dass er der Sohn des getöteten Arwed war.
Aber Skjaldar wollte die andere Sippe nicht verjagen, sondern schlug vor, man könne sich Land und Fischgründe teilen. Damit waren die Nachbarn hoch zufrieden und dankbar, und beide Sippen lebten in
Freundschaft. Es gab sogar Hochzeiten zwischen ihren Nachkommen.
So lebten Skjaldar und seine Sippe in Frieden auf der Vaterinsel. Skjaldar fischte Hering und Kabeljau und trieb die Schafe auf die Weiden. Niemand musste in jenen Jahren Not leiden.
Doch wer einmal zur See gefahren ist, der wird sich immer nach Wind und Wellen sehnen, nach der Gischt auf der Haut und dem Geschrei der Möwen, und so wurde Skjaldars Verlangen groß und größer: Er musste
eine letzte Fahrt.
Thurid bemerkte seine wachsende Ungeduld und bestärkte ihn in dem Entschluss, sein Schiff zu bemannen und zu einer Fahrt aufzubrechen. Und das tat Skjaldar schließlich.
Der Frieden war brüchig in jenen Jahren, und die Gunnhildssöhne strebten nach Macht und Herrschaft über alle Länder am Nordweg und richteten ihren Blick auch auf Thrandheim.

Sie töteten Jarl Sigurd, dessen Platz sein Sohn Hakon einnahm, der mit den Gunnhildssöhnen in erbittertem Streit lag. Sie bekämpften sich und trieben sich gegenseitig aus den Ländern. Viele Menschen starben
in jenen Jahren.
Und die Götter, deren Gunst Skjaldar viele Jahre genossen hatte, verschworen sich in ihren arglistigen Spielen erneut gegen ihn. Sie spielten Skjaldars Feind, dem Gunnhildssohn Harald Graufell, in die Hände. Unermüdlich beschwor Gunnhild ihre Söhne, den verfluchten Burschen mit den stahlblauen Augen zu suchen, der einst ihrem Gemahl Eirik den Finger abgeschnitten und den Ring gestohlen hatte.

Doch die Götter sich ihm wieder abgewandt
erneut die Gunnhild an seinen Strand gesandt.
Sohn Harald Graufell macht das Schrecken wahr
nochmals verliert er die Familie
und alle die dazu gehör´n.

Als er nach einem halben Jahr im Herbst des Jahres 963 – Skjaldars Leben zählte damals schon ansehnliche fünfzig Winter – von seiner Fahrt heimkehrt, liegt eine eigentümliche, ja niederdrückende Stille über der Insel. Niemand kommt an den Steg in der kleinen Bucht, um ihn zu begrüßen.

Skjaldar nimmt die stärksten Seemänner und stürmt mit ihnen zum Hof. Mit tiefem Schmerz muss Skjaldar erkennen, dass die Geschichte sich wiederholt hat. Während seiner Abwesenheit wurde die Insel überfallen. Alle Bewohner wurden im Haus zusammengetrieben und daran Feuer gelegt. Es zerreißt Skjaldar das Herz, als er in der verkohlten Ruine die Überreste der Leichen seiner und der mit ihm befreundeten Sippe findet.
Es dauert auch nicht lange, bis Skjaldar erfährt, wer hinter der brenna steckt, und es wundert ihn nicht, dass niemand anderes als die Gunnhildssöhne die Menschen getötet haben, deren Verlust Skjaldar fast um den Verstand bringt.
Wieder haben König Eirik Blutaxt und seine Nachfahren Skjaldar alles genommen. Wieder haben sich die Götter gegen ihn verschworen. Skjaldar sagt sich von allem los, das ihn an seine Vergangenheit bindet, und verlässt seine Insel.

5.

Macht Skjaldar seines Schwures Rache ernst
legt den Treueschwur dem Hakon ab
in der Haustruppe nun seinen Dienst antritt.
Viele Schlachten sie geschlagen
viele Feinde gemeinsam sie besiegt.
Skjaldar oft verwundet, gefoltert und gemartert
steht er unverwüstlich nun vor uns.

Er war Bauer, Fischer, Händler und Seefahrer, und er war reich geworden mit dem Handel, doch nun wird er sein Leben dem Kampf widmen. Nur dem Kampf. Auf seinen Handelsfahrten hat er Überfalle von Seeräubern abgewehrt. Manchen Streit hat er lieber mit der Faust und mit dem Stahl als mit dem Wort geklärt. Er war ein harter Krieger geworden, ein Mann, der sich einen Ruf erarbeitet hat, der seinen
Gegnern Respekt einflößt.
Davon hat auch Jarl Hakon Sigurdsson, der seit dem Tod seines Vaters über Hladir und Thrandheim regiert, gehört. Dieses Mal wird niemand Skjaldar abweisen, als er dem Jarl seine Dienste anbietet. Er wird der
Schwurmann des Jarls, wird sein Freund und sich in vielen Schlacht bewähren. Hakon wird ihn zum Hauptmann seiner Haustruppe ernennen, und Skjaldar wird es ihm mit Treue und Tatkraft danken.
Sie werden viele Schlachten schlagen gegen die Gunnhildssöhne, gegen Sachsen und alle anderen Feinde, und die Christenpriester werden um Gnade flehen, und sie werden lamentieren und wehklagen:
"O - Lycopersicon Esculentum! O - Lycopersicon Esculentum!"
Skjaldar wird manches Mal dem Tode näher sein als dem Leben. Er wird in Ketten gelegt wie ein Hund und mit Pfeilen gespickt. Man wird sein Gesicht zerschlagen und ihn am Pfahl foltern. Aber die Götter haben ihren Gefallen an ihm gefunden, und sie gewähren ihm Aufschub. Noch gewähren sie ihm Aufschub.

Denn noch ist es nicht so weit, und an diesem besonderen Tag, an dem Skjaldar im Beisein seines neuen Eheweibs, die süße, stets gute Zeit bringende Saeta Godetide, und im Beisein seiner Freunde, die seine
Sippe geworden sind, die sechzigste Wiederkehr jenes Tages feiert, an dem er als Sohn des Arwed und der Helga geboren wurde, haben wir uns versammelt, um dem großen, furchtlosen Krieger unsere Ehre zu
erweisen.
Wir heben die mit Bier und Met gefüllten Becher und trinken auf das Wohl des Hauptmanns, der noch viele Schlachten schlagen wird, bevor er eines Tages niedergehen wird – mit dem Schwert in der Hand. An einem schönen Tag, an dem die Vögel singen und die Luft erfüllt ist mit dem Duft des Meeres und der Fische.
An dem Tag werden die Valkürjar ihn als ihren ersten Mann vom Schlachtfeld erwählen, und Odin wird keinen Zweifel haben, dass Skjaldar der richtige Mann ist, der den besten Platz an der Tafel des
Allvaters bekommt.
Und so trinken wir auf Skjaldar, den Krieger und Hauptmann, und die Tische sind beladen mit Fleisch und Fisch und Brot.
Und diese Saga soll schließen mit Skjaldars Worten: „Trinkt! Trinkt, ihr verdammten Bastarde! Trinkt, bis die Götter speien und die Donnerbalken brechen … aber trinkt und fresst mir nicht alles weg, denn
mein Durst nach Bier und mein Hunger sind unersättlich! In diesem Sinne – skal!“

Lasst uns trinken auf diesen Helden
den wir alle lieben.
Hakons Hauptmann,
unser aller knurriger, alter Mann.

Skjaldar Arwedson